WPU Kunst besucht die documenta 14

August 2017


Eine intensive Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst

Am Mittwoch, den 30. August 2017, besuchte der Kurs des Wahlpflichtunterrichts Kunst der Jahrgangsstufe 9 die documenta 14 in Kassel. Die kunstinteressierten Schüler konnten sich in Begleitung ihrer Lehrerin Corinne Iffert und der Designstudentin Johanna Baum ein Bild von der weltweit bedeutendsten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst machen.

Der erste Weg vom Kulturbahnhof führte zum Königsplatz und dem im Zentrum stehenden Obelisken des nigerianischen Künstlers Olu Oguibe. Somit begann der documenta-Besuch mit einem Zitat aus dem Matthäus-Evangelium „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“, das in Deutsch, Türkisch, Englisch und Arabisch die vier Seiten des Obelisken schmückt und als eine universelle humanitäre Botschaft dazu auffordert, die Grenzen für Flüchtlinge nicht zu schließen.

Im Anschluss begab sich die Gruppe auf einen Spaziergang vom Friedrichsplatz zur documenta-Halle, auf dem sie für zwei Stunden von einer Choristin der documenta begleitet wurde. Die Choristin regte die Schüler dazu an, eine aktive Rolle im gemeinsamen kritischen Denken über die Kunst der documenta einzunehmen, Fragen anzusprechen und dabei den jeweiligen Kontext der documenta 14 einzubeziehen. So ließen sich die Schüler intensiv auf einige Kunstwerke ein und versuchten, diese im gemeinsamen Gespräch zu enträtseln.

Unter anderem erschlossen sie sich auf diese Weise den Parthenon der Bücher. Dieser imposante Nachbau des griechischen Tempels auf der Akropolis in Athen von der argentinische Künstlerin Marta Minujin soll ein Zeichen für die Meinungsfreiheit und gegen Zensur und Verfolgung von Schriftstellern in aller Welt setzen. Der „Parthenon der Bücher“ repräsentiert ästhetisch und politisch das Ideal der ersten Demokratie, die allen Menschen, gleich welcher Abstammung, eine Stimme gab und als Wiege der westlichen Kultur gilt.

Auch das Kunstwerk When We Were Exhaling Images des kurdisch-irakischen Künstlers Hiwa K beeindruckte die Schüler sehr. In Zusammenarbeit mit dem Diplomstudiengang Produktdesign der Kunsthochschule Kassel stattete der Künstler Steinzeugrohre mit Möbeln und diversen Gegenständen aus, so dass eine Art Wohnwelt entstanden ist. Die Vorstellung in solchen Rohren leben zu müssen, löste bei den Schülern unterschiedliche Emotionen aus – von Abenteuerlust bis hin zu starker Beklemmung. Das manch einem Menschen auf der Welt nichts anderes übrig bleibt, als in solchen Rohren einen Unterschlupf zu suchen, um sich mit einem Minimum an Schutz zu umgeben, führte – wie von dem Künstler gewollt – zu der Auseinandersetzung mit dem Thema des Verlustes der Heimat und des Zuhauses.

Es folgten Annäherungen an weitere Kunstwerke, wie der Plakatkampagne Sufferhead original (Kassel Edition) - „Wer hat Angst vor Schwarz“ des nigerianischen Künstlers Emeka Ogboh, der damit einen Diskurs über den politischen Umgang mit Ethnie, unterschiedliche Vorstellungen von Nation und Prozesse der Migration anstoßen möchte, oder die leere Bühne mit dem Titel Scène à l’italienne (Proscenium) von Annie Vigier und Franck Apertet, die den documenta-Besucher selbst zu einem Teil der Inszenierung erhebt und zur Selbstreflexion anregen soll (eines der vermutlich am wenigsten wahrgenommene Kunstwerk der diesjährigen documenta). Ein Höhepunkt des documenta-Besuchs war sicherlich die Ausstellung der großformatigen Gemälde des amerikanischen Künstlers Stanley Whitney, mit denen sich die Schüler bereits im Unterricht eingehend befasst hatten. Besonders das Werk James Brown Sacrifice to Apollo machte ihnen den großen Unterschied in der Wahrnehmung der Kunst deutlich, je nachdem ob man Abbildungen in Büchern oder als Projektion sieht, wie es im Klassenraum geschieht, oder ob man vor dem Original in einem nur dem Kunstwerk vorbehaltenen Raum steht.

Selbst aktiv wurden die Schüler im Bezug auf die Erschließung des Kunstwerks ohne Titel des italienisch-französischen Duos Marie Cool und Fabio Balducci, das aus Regalwänden, Schreibtischplatten und Klebeband gestaltet war. Videos zeigten parallel zu der Installation die „Benutzung“ der Gegenstände durch Marie Cool während der ersten documenta-Woche: Durch das Entlanggleiten der Finger an dem zwischen den Möbeln gespannten Klebeband erzeugten sie Geräusche, die als Geflatter von großen Insekten wahrgenommen werden konnten. Die Choristin spannte gemeinsam mit einem Schüler ein mitgebrachtes Klebeband und die Schüler konnten nun versuchen, selbst ähnliche Geräusche hervorzubringen. Die Wiederholung dieser einfachen Handlung führt nach Aussage der Künstlerin zu einer Auseinandersetzung mit Prozessen der Wahrnehmung und sie verleiht der Kunst darüber hinaus eine gewöhnliche, allgegenwärtige Sprache ohne übermäßige Ästhetisierung.

Mit vielen interessanten Eindrücken im Gepäck machte sich die Gruppe am Nachmittag auf den Nachhauseweg. Doch auch wenn der documenta-Besuch ein Ende hatte, geht die innere Auseinandersetzung mit den künstlerischen Installationen und Prozessen sicher noch eine Weile weiter.

Corinne Iffert



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